Einfach großartig: mit schlichten Ideen die Welt verändern
Gutes hat seinen Preis. Dieser Meinung würde sich hierzulande eine Mehrheit anschließen. Jahrzehntelang bildete das Gütesiegel „Made in Germany“ den Gegenpol zum billigen Plastikramsch aus Taiwan. Jetzt kommen aus den Schwellenländern neue Impulse: höchste Qualität für eine Handvoll Dollar.
Eine würdige Behausung für die Menschen in den Elendsvierteln der Welt: Dies ist das ehrgeizige Ziel des 300-Dollar-Haus-Projekts. Ausgerufen haben den Ideen-Contest der in Indien aufgewachsene Vijay Govindarajan, Professor für International Business am Dartmouth College, und der Strategieberater Christian Sarkar. Die Resonanz ist überwältigend: Über 250 detailliert beschriebene Designvorschläge haben Teilnehmer aus aller Welt über die zugehörige Ideenplattform eingereicht. Aus diesen wählte die Community einen Sieger; zwei weitere Teilnehmer für die nächste Entwicklungsstufe, einen Prototyping-Workshop in New York, bestimmt die international besetzte Jury.
Am überzeugendsten fand die Crowd mehrere Konstruktionen aus Netzschläuchen, Gewebeschläuchen oder Gewebesäcken, welche die Häuslebauer mit vorhandenen Naturmaterialien oder Abfällen füllen und aufeinander stapeln: Totally Tubular, Earthbag Community und das Super Adobe Project sind die derzeitigen Haus-Favoriten.
Antithese zum extratollen Feature
Eine Unterkunft für 300 Dollar – was soll das? Govindarajans Projekt steht für eine neue Strömung in der Produktentwicklung. Das Vorbild der als Reverse Innovation bekannten Strategie heißt Jugaad: So nennen sie in Indien die Problembeseitigung mit allem, was gerade greifbar ist. Aus der Not heraus kommen nicht verwendete Teile anderer Produkte zum Einsatz, und es wird improvisiert, was das Zeug hält. Von seiner Begegnung mit dieser Geisteshaltung und eindrucksvollen Geschäften der ganz anderen Art berichtet Karl Moore in seiner Kolumne für Forbes. Als ein Beispiel aus dem Dienstleistungssektor nennt er die Six Sigma-zertifizierten Dabawallahs, deren Erfolgsgeschichte auch bei Brandeins nachzulesen ist. Selbst Cloud Computing ist für Moore eine typische Lösung – da es lokalen Speicherplatz überflüssig macht und unendlich skalierbar ist.
Ein bisschen mehr von dem unerschütterlichen Glauben, dass es selbst für die schwierigsten Probleme immer eine Lösung gibt, täte unseren Breitengraden sicherlich gut. Ganz abgesehen davon, dass es auch bei uns Menschen gibt, die kein Geld für Schnickschnack haben, aber gute, günstige Produkte durchaus zu schätzen wüssten. Und wer die aufstrebenden Märkte erobern will, wird nicht daran vorbeikommen, einige Produkte auf das absolut Wesentliche zu reduzieren, damit Menschen mit unvorstellbar geringem Einkommen sich diese leisten können.
Milliardenschweres Marktpotenzial
Vielleicht wirft der Bau eines Hauses aus Bambus oder Verbundstoffen keine große Marge ab. Wenn aber die Zielgruppe mehrere Milliarden Menschen umfasst, kann sich das Geschäft durchaus lohnen. Nach der Einschätzung des Idealab-Gründers und Chefs Bill Gross liegt das Marktpotenzial für einfachste Eigenheime bei 424 Milliarden Dollar. Deshalb hat seine Firma das WorldHaus initiiert: einen Bausatz für unter tausend Dollar, den Idealab bis 2013 mindestens 5.000 Mal verkauft haben will. Und wenn die etablierten Konzerne eines beherrschen, so ist es doch die Massenproduktion, sagt Vijay Govindarajan, dessen Motto „Think big“ lautet – und der hofft, einen Global Player als Hersteller für sein 300-Dollar-Haus gewinnen zu können.
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