R . e . s . p . e . c . t: Offene Innovation ist kein Selbstbedienungsladen
Vertriebsweg gefunden, alle freuen sich – und zum Dank gibt’s für die Ideengeber ein Zeitschriftenabo. Wer das unter Open Innovation versteht, spart vielleicht ein paar tausend Euro Agenturhonorar. Aber zahlt sich diese moderne Form der Ausbeutung langfristig aus?
Dass Ideen vor ihrer Kommerzialisierung nichts wert seien und sich Unternehmen deshalb gratis daran bedienen können – diese zunehmend verbreitete Auffassung bringt Maxine Horn auf die Palme. Sie entwerte genau das, was die Industrie so dringend braucht, ereifert sie sich im Inventors’ Digest.
Neue Produkte und Services oder Konzepte für Vermarktung und Kundeninteraktion zu entwickeln, ist eine schöpferische Aufgabe, die kreative Fähigkeiten und Know-how erfordert. Da sei eben nicht eine Idee so gut wie die andere. Genau so muss sich aber ein Kreativkonzepter mit 15 Jahren Berufserfahrung fühlen, wenn er zum öffentlichen Brainstorming Seite an Seite mit der Crowd „eingeladen“ wird.
Und auch sonst verhalten sich Unternehmen völlig unangemessen – lassen präsentieren, ohne das Thema Vertraulichkeit auch nur ansatzweise zu würdigen oder akzeptieren nur Ideen, die bereits zum Patent angemeldet sind. Da sei es kein Wunder, wenn sich unter Profis Argwohn und Widerwille breit machten.
Einige Agenturen für grafische und digitale Lösungen sehen ihren Lebensunterhalt bedroht. Andere sind dafür, dass Crowdsourcing auf Kunden- oder Nutzerinput beschränkt werden sollte, welches dann wiederum sie, die professionellen Agenturen, auswerten wollen. Berufsverbände rufen ihre Mitglieder dazu auf, sich nicht an derart ausbeuterischen Praktiken zu beteiligen.
Eine neue Ethik für Einkäufer kreativer Leistungen?
Verweigerung sei eben keine Lösung, meint Maxine Horn – übrigens eine Pionierin und erklärte Befürworterin der offenen Innovation – weil offene Innovationsaktivitäten natürlich stark von kompetenten Beteiligten profitieren. Sie plädiert für eine neue Ethik in Bezug auf professionell produzierte Ideen. Wenn es mit der Open Innovation-Gesellschaft weitergehen soll, seien neue Handelsmodelle zwischen kreativen Profis, Unternehmen und Investoren gefragt – am besten schlichte Schutzvereinbarungen ohne viel Papierkram.
Sobald es daran geht, eine Idee – vielleicht sogar mit weiteren Open Innovation-Parteien – zu besprechen und auszuarbeiten, muss dies in einem geschützten Raum geschehen; hier beginnt die Domäne der vertraulichen Geschäftsbeziehung, meint die Gründerin und ehemalige Geschäftsführerin des britischen Berufsverbands für Designer und Innovatoren.
Henry Chesbrough stimmt Horn in einem Beitrag für Forbes zumindest insofern zu, als er eine Rollendefinition des kreativen Individuums für notwendig hält. Ja, es stelle sich die Frage, wie einzelne Kreative in der Welt der Open Innovation überleben können, wenn die Crowd manchmal einfach genialer ist.
Oder Direktmarketing als Chance für Kreative?
Chesbrough wäre nicht „der Vater der offenen Innovation (laut Wikipedia)“, wenn er nicht überzeugt wäre, dass sie Kreativen eher neue Chancen eröffne als sie ihnen zu entziehen. Er weist darauf hin, dass Künstler und Kreative zu Lebzeiten oft keine Anerkennung erfuhren, lange bevor Open Innovation erstmals aufkam – weil ihr Genie verkannt wurde.
Er beschreibt am Beispiel der digitalen Musikindustrie, wie Künstler letztlich von der Öffnung profitieren können – weil es eben keine Vorauswahl durch die Plattenformen gibt, sondern die Fans selbst entscheiden, was ihnen gefällt. Und vielleicht sogar „ihren“ Musiker direkt unterstützen, indem sie Limited Editions erwerben oder Plattenaufnahmen sponsern.
Kreative sollten offene Innovation also nicht fürchten, sondern begrüßen, da sie ihnen bessere Kundenbeziehungen und bessere Kontrolle über ihr geistiges Eigentum ermögliche.
Dies trifft wohl zu, wo es um die direkte Vermarktung kreative Werke an Endkunden geht. Kreative, die ihre Leistungen als Teil eines Gesamtproduktes an andere Unternehmen – oft Konzerne – verkaufen wollen, sehen sich hingegen von zwei Seiten bedroht: von der Amateurkonkurrenz und von Partnern mit fragwürdiger Einstellung zum Thema Ideenschutz. Ob diese Problematik rein organisatorisch oder mittels smarter Selbstvermarktungsplattformen zu lösen ist? Oder ist vielleicht doch Maxine Horns Forderung nach einem zeitgemäßen Ethik-Kodex erwägenswert?
Ethische oder organisatorische Frage? Welche Szenarien gibt es, um die Beiträge kreativer Profis zur Produktentwicklung und -vermarktung angemessenen zu berücksichtigen?
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Hallo Romana, das Thema wird
Hallo Romana,
das Thema wird durchaus kontrovers diskutiert. Es gibt tatsächlich häufig einen Graben zwischen quasi kostenloser Arbeit und Anreizen in klarer finanzieller Form. Das sollte dieser Artikel auch deutlich machen. Quellen für das Phänomen des „free revealing“, also dem kostenlosen, uneigennützigen Teilen von Wissen und Ideen, finden sich bei Prof. von Hippel und Prof. von Krogh. Links zu den Quellen siehe unten. Nicht alle wollen sich gleich an der Entwicklung und Umsetzung ihrer Ideen aktiv beteiligen. Und gerade in der Neukombination von vorhandenem Wissen und Ideen entstehen oftmals die vielversprechendsten Initialzündungen. Ideengeber, die an der Entwicklung und Umsetzung beteiligt werden wollen, können sich bereits auf diversen Plattformen engagieren. Beispiele sind: Unseraller (www.unseraller.de), Quirky (www.quirky.com) oder Tchibo Ideas (www.tchibo-ideas.de). Der Ansatz Crowdfunding und Crowdsourcing zu vereinen hat sicher viel Potential. In großen Unternehmen müssen hierfür aber erst die richtigen Strukturen geschaffen werden. Und das kann dauern… Schneller und flexibler sind kleine und mittelständische Unternehmen. Diese besitzen aufgrund ihrer Strukturen oftmals die höheren Chancen, dieses neue innovative Feld zu besetzen. Ein Beispiel ist Local Motors (www.local-motors.com).
Weiterführnde wissenschaftliche Quellen:
Von Hippel, Krogh (2006) - Free revealing and the privatecollective model for innovation incentives (http://col-tech.org/coltech/members-only/innovacion/Free%20revealing%20and%20the%20private-collective%20model%20for%20innovation%20incentives.pdf)
Von Hippel (2005) – Democratizing Innovation, Kapitel 1, Seite 10 oben - ist unter CC Lizenz frei verfügbar (http://web.mit.edu/evhippel/www/democ1.htm)
Ihr Die Erfinder Team
Der Inhalt des Beitrags
Der Inhalt des Beitrags entspricht dem was ich schon mehrfach vertreten habe.
Allerdings finde ich scheinheilig einerseits zu schreiben "...und zum Dank gibt’s für die Ideengeber ein Zeitschriftenabo. Wer das unter Open Innovation versteht, spart vielleicht ein paar tausend Euro Agenturhonorar. Aber zahlt sich diese moderne Form der Ausbeutung langfristig aus?..." und dann andererseits "...Oft sind externe Ideengeber gar nicht an finanziellen Anreizen interessiert, weil sie sich in erster Linie für das Produkt an sich interessieren (und meist auch selbst nutzen) und dieses verbessern wollen..."
Hierzu würde ich gerne Quellenverweise sehen? Wozu gibt es hier öffentliche Stimmen von Innovatoren? Gibt es hier irgendeine Statistik, eine Abstimmung? Das kann ich mir nicht vorstellen. Behauptungen sollten auch mit Quellenangaben belegt werden.
Wenn die Industrie mit den Ideen von Kunden Reibach macht, und das allles andere als schlecht, ttp://www.presseportal.de/pm/13650/2028524/60-jahre-innovationen-in-deutschland-3m-deutschland-gmbh-feiert-60-jaehriges-firmenjubilaeum-mit. wieso bitte sollten die Kunden, selbst wenn sie anschließend Produkte und Dienstleistungen nutzen mögen und auch nutzen, nicht auch mit am Gewinn beteiligt werden wollen? Die Realisatoren der Ideen nutzen doch teils auch die realsierten ideen und nehmen doch gerne auch die satten Gewinne, oder? Die meisten Prämienzahlungen entsprechen einer puren Ausbeutung.
Vor einigen Monaten war die Haltung zum Innovieren noch anders: http://www.zukunft-innovation.com/wie-kreativ-sind-die-innovatoren. So der Umgang vieler Innovationsplattformen mit den Innovatoren ist (keine Projektmoderation, was ich extrem respektlos finde, mickrige Prämien...), glaube ich nicht, dass dies zur Vermeidung von Ausbeutung der Innovatoren nun geändert werden soll, sondern weil die Innovationsplattformen erkannt haben, mit "Closed Innovation" einfach mehr Geld verdienen zu können. Klar, sind Ideen nicht offen zugänglich, kann man sie immer wieder neu verkaufen. Okay, davon haben auch was die Innovatoren, doch um die ging es doch bei dieser Entscheidung gar nicht primär, oder?
Fair wäre eine Gewinnbeteiligung von Innovatoren deren Ideen weiterentwickelt werden. Dafür würden diese gerne auch an der Realisierung der Projektidee mitarbeiten. Doch das wird ja leider nicht gewünscht. Warum nur nicht?
"...Ziel dieser Plattform ist es, dass ‚Samenkörner’ den passenden ‚Gärtner' finden. Im besten Fall wird hier auch eine kontinuierliche Verbindung zwischen Ideen-Spendern und Realisatoren begründet - zu beiderseitigem Vorteil. Sonst droht, liebe Innovatoren, Euren guten Ideen ein Dinosaurier-Schicksal – sie sterben aus, weil sie keine Verbindung zum Rest der Welt aufbauen können. Genau das soll Zukunft-Innovation für die Spezies der innovativen Geister verhindern."
Weshalb wird einfach davon ausgegangen, dass Innovatoren nur den Samen legen können und nicht fähig dazu sind daran mitzuarbeiten die Ideen zu realisieren? Eine Ideenbegleitung bis zum fertigen Produkt oder zur fertigen Dienstleistung ist nicht gewünscht, behaupte ich nun einfach mal ist nicht weil die Innovatoren das Know How nicht hätten ihren Anteil zu leisten, sondern weil so weniger Unternehmenseinblicke gewährt werden müssen und vor allem weil so den Unternehmen mehr Gewinn bleibt. So kann ich Crowdsourcing nicht gutheißen; für mich bleibt das Ausbeutung. Deshalb auch wünsche ich mir Crowdfunding mit Crowdsourcing kombiniert:
Ich wünsche mir, dass mehr kleine und mittelständische kundenorientierte Unternehmen mit Crowdfunding und Crowdsoucing entstehen und den Konzernen mal kräftig Konkurrenz machen. http://www.solarimpulse.com/supporters_program/index.php?lang=de. Am liebsten sind mir natürlich Projekte in Bürgerhand: http://www.energie-in-buergerhand.de/
Hallo neuhold, wir können
Hallo neuhold,
wir können zwar auch nicht sicherstellen dass mehrere Nutzer dasselbe Pseudonym verwenden, aber wir setzen den Punkt auf unsere Diskussionsliste, schönen Dank für den Hinweis.
Zum Thema: In der Literatur zu User Innovation (z.B. von Hippel) wird häufig die nicht finanzielle Incentivierbarkeit von Usern zitiert, die an Innovationsprozessen teilhaben. Oft sind externe Ideengeber gar nicht an finanziellen Anreizen interessiert, weil sie sich in erster Linie für das Produkt an sich interessieren (und meist auch selbst nutzen) und dieses verbessern wollen. Daher sind sie oft sehr glücklich, wenn sie Reputation gewinnen, da sie an der Entwicklung eines wichtigen Produkts oder einer Dienstleistung mitgeholfen haben. Ihren Ansatz finden wir aber sehr interessant, er sollte unserer Meinung nach in der Gestaltung von Wettbewerben durchaus mehr Berücksichtigung finden.
Ihr Die Erfinder Team
Ich finde Ihren Artikel
Ich finde Ihren Artikel gut.
Schlechter finde ich das für Kommentare der Name mit Anonymus genügen würde.
100 Kommentare unter Anonymus welche Freude !!!
Die Anonymität kann ja auch mit einem Pseudonym gewahrt sein.
Zum Thema an sich:
Der größte Teil von Ideen in den aktuellen Plattformen,
sind Ableitungen von bestehenden Produkten u/o Vorgängen.
Vielen unprofessionellen Innovatoren/innen sind eventuell zu beachtende Patente,
und damit mögliche Patentverletzungen gar nicht bewusst.
Hier sollten für mich die Aufgaben bei der Ideenselektion vor Prämierung u/o Ausrichtung von Bonitätszahlungen eingreifen. Patentrechtliche Abklärung.
Dies könnte schon als Dienstleistung an den Projektauslöser mitverkauft werden.
Findet danach eine Idee das Interesse zu einer Annahme, so sollte diese Idee auch entschädigt werden. Form und Höhe der dieser Leistung sollte zweigeteilt sein.
Teil 1: kleineren Betrag als Anerkennung
Teil 2: wird, durch die Umsetzung dieser Idee, ein zusätzlicher Unternehmenertrag erwirtschaftet
kommt ein größerer Betrag zur Nachzahlung.
Diesen Betrag stelle ich mir in der Höhe eines halben Honorars von einem professionellen Beratungunternehmen vor.