Viele Partner, ein Ziel: Der Münchner Biotech Cluster treibt die personalisierte Medizin voran

Biotech

Im Münchner Biotech Cluster haben sich zahlreiche Wissenschaftler, Mediziner und Industrievertreter zusammengeschlossen, um die personalisierte Medizin voranzutreiben. Sie alle bringen unterschiedliche Kompetenzen, Interessen und Probleme mit. Das Clustermanagement sorgt dafür, dass aus ihnen Kooperationspartner werden, die sich gegenseitig ergänzen.

Individuell entworfene Legosteine, ein eigenes Tapetendesign oder ein selbst bedrucktes T-Shirt: Personalisierte Produkte gehören in vielen Branchen längst zum Standardsortiment. In der Medizin dagegen sind sie noch immer ein Traum. Krebspatienten zum Beispiel würde eine personalisierte Therapie neue Heilungschancen eröffnen. Die Medikamente, so die Hoffnung von Forschern, sollen bei geringeren Nebenwirkungen schneller und zielgerichteter anschlagen. In der Praxis heißt das: Bevor etwa eine Krebstherapie beginnt, liefert ein Test – zum Beispiel eine Erbgutanalyse – ein detailliertes genetisches Profil des Tumors und identifiziert die betroffenen DNA-Bereiche des Krebs-Genoms. Mit Hilfe dieser Informationen erhält der Patient dann eine auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Therapie.

Bislang ist aus der Vision aber noch keine Realität geworden. Horst Domdey nennt einen Grund: „Obwohl es in der Medikamentenentwicklung moderne Verfahren gibt, sind die Prozesse nicht schneller geworden. Im Gegenteil, sie dauern teilweise sogar länger, weil mit den zahlreichen neuen Erkenntnissen die Komplexität gestiegen ist.“ Genau das möchte er ändern. Als Manager und Sprecher des Münchner Biotech Clusters, der 2010 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zum „Spitzencluster“ ernannt wurde, sitzt er dafür an der richtigen Stelle. Denn ein Mammutvorhaben wie dieses, das neben der Grundlagenforschung auch neue Technologien, Studien und vieles mehr voraussetzt, könnte ein Forschungsinstitut oder ein Pharmaunternehmen allein nicht stemmen. Im Cluster dagegen sind die Kompetenzen versammelt, die Domdey benötigt, um dem Traum von individuellen Therapiemöglichkeiten näherzukommen.

Denn in dem südlich von München gelegenen Ort Martinsried, wo es vor 30 Jahren nicht viel mehr gab als Felder, Wiesen und Bauernhöfe, reiht sich heute ein Forschungszentrum an das nächste, haben Biotechnologie- und Pharmaunternehmen ebenso ihren Sitz wie das Universitätsklinikum sowie einige der Fakultäten der Ludwig-Maximilians-Universität. „Wir vereinen alle essentiellen Partner an einem einzigen Ort“, sagt Domdey stolz. Dabei ist der Cluster mehr als ein Ballungsraum und eine Ansammlung von Experten. Sie alle vereint ein Ziel: die personalisierte Medizin voranzutreiben.

Wie aber bringt man Biotechnologiefirmen, Pharmaunternehmen – darunter Branchenriesen wie Pfizer und Roche –, Kliniken, Forschungsinstitute und Universitäten dazu, sich zu vernetzen und zu kooperieren? Man müsse zunächst ihre individuellen Bedürfnisse, ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen kennen, so der Clustermanager. In einem zweiten Schritt könnten Partnerschaften initiiert werden, in denen sich die unterschiedlichen Kompetenzen ergänzen. Genau das ist die Aufgabe von Domdey. Als Clustermanager und Geschäftsführer der BioM Biotech Cluster Development GmbHlaufen alle Fäden des Clusters bei ihm zusammen. Konkret heißt das: Gemeinsam mit seinen Kollegen bringt er die passenden Partner an einen Tisch, berät sie und begleitet die Kooperationen. Derzeit sind es 40Einzelprojekte aus den Bereichen Onkologie, Herz-Kreislauf- und Autoimmunerkrankungen. Über 100 Partner aus Wissenschaft und Industrie beteiligen sich und arbeiten zusammen.

So beschäftigt sich ein aktuelles Projekt mit einer speziellen Form des Herzversagens. Bei dieser Herzinsuffizienz stellt der eigene Körper Abwehrstoffe her, die sich gegen das Herz richten. Nicht alle Herzinsuffizienzpatienten bilden diese Antikörper. Im Umkehrschluss heißt das: Nicht alle Patienten, die daran leiden, benötigen das gleiche Medikament. Das im Münchner Biotech Cluster angesiedelte Start-up Corimmun entwickelt einen Wirkstoff, der sich nur für diejenigen Herzinsuffizienzpatienten eignet, die die körpereigenen Abwehrstoffe bilden. Bei ihnen wirkt das Medikament besonders gezielt und eröffnet große Heilungschancen. Das Problem: Obwohl die Existenz dieser speziellen Patienten erwiesen ist, weiß die Forschung noch nicht, welche Personen genau betroffen sind. „Die Voraussetzung für ein solches Medikament ist daher, dass man diese Patienten identifizieren kann, bevor es mit der individuellen Therapie losgeht“, berichtet Domdey. Dafür seien klinische Studien nötig. Corimmun aber verfüge von Haus aus nicht über die Ressourcen, um diese Studien durchzuführen.

In Fällen wie diesem stehen den Clusterpartnern unterschiedliche Strukturprojekte zur Verfügung. So erhält Corimmun Unterstützung aus dem neuaufgebauten „Clinical Trial Service Center“. Hier arbeiten Experten, die dem Start-up dabei helfen, seine klinischen Studien durchzuführen – und das, „ohne Millionen an Beratungskosten ausgeben zu müssen“, so Domdey.

Um Corimmun unterstützen zu können, greift das Clinical Trial Service Center auf externe Hilfe zurück. Denn ohne die nötigen Gewebe- und Blutproben kann es seine Arbeit nicht aufnehmen. Da keiner der beiden Partner über die Proben verfügt, hilft ein weiteres Clusterstrukturprojekt weiter. Die „Biobank Alliance“ stellt die entsprechenden Proben zur Verfügung. Diese wiederum stammen mit den ortsansässigen Kliniken von weiteren Clusterpartnern.

Es sind Kettenmechanismen wie diese, die den Erfolg eines Clusters ausmachen und die für seine Partner äußerst attraktiv sind. So haben sich auch die beiden Kliniken der Strategie des Clusters angeschlossen, weil die personalisierte Medizin für sie einen großen Nutzen stiften würde. Domdey weiß: „Mit einem maßgeschneiderten Medikament müssten sie nicht erst etliche Wirkstoffe an einem Patienten ausprobieren, bevor sie endlich die beste Substanz finden.“

Die Nähe zu den Kliniken und damit zu den Patienten wiederum übt laut Domdey auf Pharma- und Biotechnologieunternehmen einen großen Reiz aus. Außerdem sitzen sie im Cluster an der Quelle für Innovationen. Denn Forschungsinstitute wie das Max-Planck-Institut für Biochemie oder das Helmholtz Zentrum München und die Fakultäten der im Cluster vertretenen Hochschulen betreiben Grundlagenforschung, die – in einem reiferen Stadium – für die Industrie interessant sein könnte.

Wie aber erfährt die Forschung, welche Themen für Pharma- und Biotechnologieunternehmen relevant sind? Auch das ist eine Aufgabe des Clustermanagers. Er tauscht sich regelmäßig mit den Clusterpartnern über aktuelle Inhalte aus. Dass diese gerade bei Pharmariesen deckungsgleich sein können, liegt auf der Hand. Einen interdisziplinären Austausch etwa zwischen Pfizer und Roche schließt Domdey kategorisch aus und geht mit den Informationen, die er erhält, äußerst sensibel um. Gemeinsam mit seinen Kollegen besucht er die Unternehmen und nimmt ihre Interessen in eine Liste auf. „Diese Informationen anonymisieren wir und tragen sie in die Forschung.“

So ist ein Großteil der Kooperationsprojekte zustandegekommen. Neben dieser konkreten Zusammenarbeit organisiert das Clustermanagement Stammtische, auf denen Fachvorträge gehalten werden. Besonders wichtig seien dabei die Pausen, sagt Domdey. Ganz ungezwungen kommen die Clusterpartner dann bei einem Weizenbier und Weißwürsten zusammen und tauschen sich aus – manchmal sogar über ganz andere Themen wie die Fußballbundesliga.

Ein Gastbeitrag unseres Kooperationspartners
Innovationsmanager Magazin

29.02.2012
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