Desorptionsvermögen: Nichts wie weg mit dem wertvollen Wissen!
Öffnet die Türen für fremdes Know-how; holt euch Input von Experten, Partnern und Kunden. So oder ähnlich lauten die Erfolgsformeln der Open Innovation-Fans und -Fachleute. Doch es lohnt sich, das Thema auch einmal von der anderen Seite zu betrachten.
Das wissenschaftliche Konzept der „Absorptive Capacity“ (deutsch: des Aufnahmevermögens) widmet sich der Frage, wie Unternehmen maßgebliches Wissen aus ihrem Umfeld „aufsaugen“ und zum eigenen Vorteil anwenden können.
Wenn es möglich ist, fehlendes Wissen in ein Unternehmen hineinzubekommen, muss es doch auch möglich sein, „überschüssiges“ Wissen herauszugeben. Genau dieser Idee widmet sich das Konzept der „Desorptive Capacity“. Während das Interesse von Innovationsforschern und -praktikern sich bisher vor allem auf die Integration unternehmensfremden Wissens in das eigene Unternehmen richtete, findet nun die Fähigkeit, Wissen abzugeben, immer mehr Beachtung.
Was bedeutet „Desorptive Capacity“?
Im Zusammenhang mit Innovation bezeichnet „Desorptionsvermögen“ die Befähigung, eigenes Wissen und eigene Technologien durch Verkauf oder Tausch zu verwerten. Ebenso wie das Öffnen für äußere Einflüsse erfordert auch die Abgabe von Know-how eine Reihe von neuen Kompetenzen. Ein Unternehmen, das vorhat, auf diesem Feld aktiv zu werden, muss:
- erkennen, welche Wissens-Werte es besitzt und welche Abnehmer es dafür geben könnte;
- festlegen, unter welchen Bedingungen der Verkauf oder Tausch stattfinden soll und welche Übermittlungswege geeignet sind.
Wissen mit Gebrauchsanleitung
Wer firmeneigenes Know-how in bare Münze umwandeln möchte, muss dafür sorgen, dass der Empfänger mit diesem etwas anzufangen weiß – sprich: dass es dort verstanden und angewendet werden kann. Wissenszusammenhänge wie Patente, Formeln und Codes sind in der Regel sehr komplex (das ist meist gerade der Grund, dass andere sich dafür interessieren). Also brauchen die Abnehmer Hilfe bei der Implementierung und Integration in die eigenen Abläufe. Zumal wenn sie, wie so oft, aus ganz anderen Branchen stammen und noch nicht einmal die Sprache des Wissens-Lieferanten sprechen.
Gemeinsam geht’s besser
Ganz gleich, ob Unternehmen neues Wissen aufnehmen oder eigenes abgeben: Beides setzt einen offenen und vertrauensvollen Umgang der Beteiligten voraus. Und weil dieser nicht über Nacht zustande kommt, sind strategische Allianzen von Partnern, die immer wieder voneinander profitieren können, eine gute Basis, um die neuen Kompetenzen und Abläufe des Wissensaustauschs einzuüben. Etwa in der Form von Learning Journeys, bei denen sich Mitarbeiter des einen Unternehmens mit denen des anderen über längere Zeit immer wieder austauschen.
Kostbares Know-how
Sicher ist, dass auf Servern, in Aktenordnern und Mitarbeiterköpfen sehr viel „geistiges Eigentum“ vorhanden ist, das für den „Eigentümer“ eine mögliche Umsatzquelle darstellt, weil es andere gebrauchen können oder weil damit in Innovations-Partnerschaften neue Märkte zu erschließen wären.
Einige Unternehmen haben schon früh erkannt, dass ihr Know-how Gold wert sein kann und angefangen, es systematisch zu veräußern. Procter & Gamble etwa nutzt nur 15% seiner Technologien für die eigenen Produkte und verwertet die übrigen Technologien extern. Ebenfalls erfolgreiche Unternehmen in der externen Technologieverwertung sind Philips, Texas Instruments, DuPont und Dow Chemical.
Auch IBMund Microsoft, die seit Jahren die Parade der Großunternehmen mit den meisten Patentanmeldungen anführen, verstehen es bestens, ihre Patente zu vermarkten: Nutzungslizenzen auf Software-Code tragen bei ihnen Milliardenbeträge zum Unternehmensergebnis bei. IBM behandelt seine Patentabteilung als Profit Center und hat sogar Beratung und Training zum Management geistigen Eigentums (Intellectual Property Management) in sein Dienstleistungsportfolio aufgenommen.
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