Bloß nicht zu viele Ideen! Kreativitätsmethode auf Abwegen
„Erst möglichst viel sammeln, dann bewerten und entscheiden“ gilt bei der Mutter aller Kreativitätsmethoden, dem Brainstorming, als eiserne Regel. Ein belgischer Berater, der nach eigener Auskunft weder einen MBA noch regelmäßige Friseurbesuche vorweisen kann, plädiert für eine ganz andere Art der Ideensuche.
Brainstorming, meint Jeffrey Baumgartner, eigne sich hervorragend fürs schrittweise Verbessern. ACT, wie seine Methode Anti-Conventional Thinking abgekürzt heißt, sei hingegen dort sinnvoll, wo radikal neue Ideen und Lösungen gesucht sind.
ACT stellt sich, wie der Name schon sagt, beim Lösen von Problemen bewusst gegen die Konvention und beabsichtigt nicht, irgendwelchen Erwartungen gerecht zu werden – im Gegenteil.
Einen ersten Frevel (im konventionellen Sinn) begeht Jeffrey Baumgartner schon damit, dass er die Zahl der zusammengetragenen Ideen für völlig irrelevant hält. Wie bei vielen Kreativitätstechniken bienenfleißig sammeln und höflich alles wertschätzen, was am Flipchart steht, kommt für ihn gar nicht infrage.
Schlimmer als Kritik von außen: der innere Zensor
Damit potenzielle Lösungen nicht im Keim erstickt werden, ist bei den meisten Kreativitätstechniken Kritik verboten. Viel schlimmer als bösartige Kollegen findet Jeffrey Baumgartner allerdings den inneren Zensor, der uns Verrücktes gar nicht erst aussprechen lässt. Diese Funktion ermöglicht das Überleben und erleichtert das gesellschaftliche Zusammenleben. Aber sie stört bei der Ideensuche.
Den inneren Zensor legt ACT mit einer unkonventionellen Aufgabenstellung lahm. Eine herkömmliche Frage wäre laut Jeffrey Baumgartners Methodenbeschreibung: „Wie können wir den Besuch in unseren Geschäften angenehmer gestalten?“. Als Ergebnis ist mit ganz netten, sehr normalen Ideen zu rechnen, die der kulturellen Norm entsprechen – „schneller bedienen“ oder „mehr lächeln“.
Die Chance auf unkonventionelle Vorschläge erhöht sich hingegen umso mehr, je extremer die Ausgangsfrage formuliert ist: „Wie schaffen wir es, dass den Besuchern unserer Geschäfte Freudentränen in den Augen stehen?“ oder „… dass ein Einkauf bei uns so süchtig macht wie Heroin?“
Solche Fragestellungen und die Ansage, dass nur und zwar ausschließlich unkonventionelle Antworten gewünscht sind, durchkreuzen jede Absicht, sich mit mittelmäßigen Wortbeiträgen durch die Sitzung zu lavieren.
Und dann ist auch noch Kritik erlaubt! Gegen unqualifizierte Verrisse helfen diese drei Regeln:
- Die Kritik richtet sich nur auf konventionelle und langweilige Ideen.
- Die Kritik ist höflich und respektvoll zu formulieren.
- Die Person, von der die Idee stammt, und die ganze Gruppe sind zur Verteidigung der Idee aufgerufen.
Dass jetzt die Ideen nur so sprudeln, ist nicht zu erwarten. Und das ist auch gut so, schreibt Jeffrey Baumgartner, denn:
- Die wenigen Ideen sind weit kreativer.
- Der administrative Aufwand für das Aussortieren schlechter Ideen verringert sich.
- Der Aufruf zur Verteidigung der Ideen ermutigt die Beteiligten, die Vorschläge im Sinne des Geschäftszieles weiterzuentwickeln.
„Sei rebellisch, sei anders, sei kreativ! Eine scheinbar geisteskranke Idee, die zu einem innovativen Durchbruch führt, ist x-mal mehr wert als ein Dutzend kleiner Verbesserungsansätze.“
Mir gefällt der pragmatische
Mir gefällt der pragmatische Ansatz! Als Moderator kreativer Prozesse gehen bei diesem Vorgehen auch gleich die Alarmglocken los: Reicht das Vertrauenspolster für die Teilnehmer der Ideen-Runden, um sich auf diese Provokation einzulassen?
Mich bringt der Gedanke von Jeffrey Baumgartner noch auf eine andere Idee! Damit die inneren Kritiker und Zensoren ausgeschaltet werden, lasse ich beim nächsten Brainstorming - quasi als Experiment - die Teilnehmer gegenseitg sich die abstrusesten Ideen anonym in den Mund bzw. Kopf legen. Wir machen uns also zielgerichtet im Sinne der Fragestellung einen Spass daraus, wenn wir unsere Kreativität und Phantasie dafür einspannen, uns zu überlegen, auf welchen absurden, rebellischen und unkonventionellen Gedanken unsere Mitstreiter in der Runde kommen könnten. Das Schreiben wir für uns mit und vielleicht fällt es uns leichter, eine ganz ferne Idee zu formulieren, weil wir die andere Person im Blick haben und unsere Tabuzone ja vermeintlich unberührt bleibt... Das ist psychologisch also ein bischen so, wie etwas "schlimmes" aushecken und dem anderen die Schuld geben... Daraus kann sich auf jeden Fall Kraft und Dynamik entwickeln.
Joachim Kromes
Der innere Zensor ist
Der innere Zensor ist wirklich einer der mächtigsten Gegenspieler beim kreativen Arbeiten. Allerding wage ich zu behaupten, daß auch das klassische Vorgehen durchaus seine Berechtigung hat, da erst durch neue Inspirations-Fetzen aus öffnenden Kreativ-Runden (das muss ja nicht Brainstorming sein) erstaunliche Kombinationen hervorgehen können... wie immer denke ich gibt es dort keinen Königsweg oder eine eindeutige Regel .. außer daß es keine Regel gibt ;-)