Pioniere der Forschung
Die Geschichte von Oliver Brock zeigt Chancen, aber auch Probleme im deutschen Forschungssystem auf. Oliver Brocks Passion sind Roboter. 2009 kam er aus den USA nach Deutschland, um an der TU Berlin Roboter einer neuen Generation zu entwickeln. Damit kennt Brock die Vor- und Nachteile beider Forschungs- und Hochschulsysteme.
Das Büro von Oliver Brock ist eher spartanisch eingerichtet. Ein Schreibtisch, ein Regal, ein Besprechungstisch, vier Stühle, ein Notebook. Nur zwei kleine Figuren auf dem Schreibtisch erinnern hier an die Profession von Oliver Brock. Es sind zwei kleine Roboterfiguren, die in ihrem Korpus eine Uhr tragen. Brock mag die kleinen Figuren. „Die haben mir so gut gefallen, dass ich gleich zehn Stück gekauft habe – als Geschenk für unsere Absolventen.“
Oliver Brock leitet seit September 2009 am Institut für Technische Informatik und Mikroelektronik der Technischen Universität Berlin das Robotics and Biology Laboratory. Sein Ziel klingt verlockend: Eine neue Generation von Robotern. Die Vision ist keineswegs inkrementeller Art. Sie ist radikal. „Ich will nicht die bestehende Robotergeneration voranbringen“, sagt der 40 Jahre alte Professor. „Ich will eine neue Generation entwickeln.“
Genau aufgrund dieser visionären Ziele arbeitet Oliver Brock in Deutschland. Oder besser: wieder in Deutschland. Im Jahr 2008 erhielt der Wissenschaftler, seinerzeit an der Universität im amerikanischen Massachusetts tätig, die sogenannte Alexander-von-Humboldt-Professur, mit deren Hilfe die Humboldt-Stiftung herausragende internationale Forscher nach Deutschland holen will. Brock nahm das Angebot an, die Leitung des Labors zu übernehmen. Ein wichtiges Argument dabei war die finanzielle Förderung: Der höchstdotierte Preis für Forschung in Deutschland gewährt ihm innerhalb von fünf Jahren bis zu 5 Millionen Euro.
Mithilfe dieses Geldes plant Oliver Brock einen Technologiesprung. Nicht unbedingt innerhalb der fünf Jahre. Doch das langfristige Ziel ist es, den Robotern eine neue Form von Intelligenz einzuhauchen: vom fremdgesteuerten Automaten hin zu einem selbständigen Helfer. Schon heute sind Roboter als ferngesteuerte Maschinen aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Eine Produktionsstraße ist ohne Greifarme, die Produkte in der Serienfertigung von A nach B heben, schieben oder werfen, undenkbar. „In diesem Feld sind Roboter wertvolle Helfer“, betont Brock. Das Problem: Sie erledigen in einem festgelegten Umfeld immer nur klar definierte Aufgaben. Jede einzelne Bewegung muss genau programmiert werden. „Doch wenn man sie aus ihrem gewohnten Umfeld herausnimmt, versagen sie kläglich.“
Brocks Roboter sollen mehr können. Sie sollen sich ihrer Umwelt anpassen. Und autonom in unterschiedlichen Umwelten arbeiten. Als Haushaltshilfe, in der Industrie oder bei der Beseitigung von gefährlichen Stoffen. Doch dazu müssen sie flexibel und lernfähig sein. So, wie der Mensch, durch Ausprobieren, Anfassen, durch Erfolge und Scheitern. Brock erklärt das so: „Der Roboter lernt, wie er eine Türklinke zu bedienen hat und kann das Prinzip des Öffnens einer Tür dann auch an anderen Orten anwenden.“ Um diese künstliche Intelligenz zu erreichen, arbeitet Brock interdisziplinär mit Psychologen, Kognitionsforschern oder Entwicklern zusammen.
Zehn Jahre lang hat Oliver Brock in den USA gelebt, geforscht, gearbeitet. Zehn Jahre USA, in denen er immer wieder zurück nach Deutschland wollte. „Doch es war nicht so leicht, einen äquivalenten Job zu finden.“ Die Humboldt-Professur machte es möglich – und zeigt damit zugleich ein Problem im deutschen Forschungssystem auf. Denn zum einen arbeiten zu viele exzellente Wissenschaftler aus Deutschland im Ausland, 2008 waren es nach Angaben des Hochschulinformationssystems rund 6.000. Zum anderen sind die Anreize, starke internationale Köpfe nach Deutschland zu holen, schlichtweg zu gering – auch wenn die bis 2017 mit 2,7 Milliarden Euro ausgestattete Exzellenzinitiative gleichermaßen Spitzenforschung und die Anhebung der Qualität des Hochschul- und Wissenschaftsstandortes Deutschland in der Breite fördern und damit den Wissenschaftsstandort Deutschland nachhaltig stärken will.
„Die Humboldt-Professuren versetzen Universitäten in die Lage, absolute wissenschaftliche Topstars nach Deutschland zu holen“, sagt Enno Aufderheide, Generalsekretär der Humboldt-Stiftung. Durch die Internationalisierung steige der Konkurrenzdruck unter den Unis aus aller Welt beim Wettbewerb um die besten Forscher. Und deren Bedeutung für die Innovationskraft eines Landes sei, so Aufderheide, gar nicht hoch genug einzuschätzen: „Am Ende hängt der Erfolg einer Innovation doch immer auch vom Einzelnen ab“. Die Humboldt-Professur sei die konsequente Umsetzung dieses Gedankens: „Wir wollen brillante Leute nach Deutschland holen und um sie herum eine Struktur schaffen, um exzellente Forschung zu unterstützen“.
Vergleichsweise niedrige Gehälter, eine höhere Lehrbelastung, aber auch Sprache und Kultur sind Hürden, die den Standort Deutschland für ausländische Wissenschaftler häufig unattraktiv machen. Und nicht zuletzt ist die Bürokratie ein großes Problem, gerade im Unterschied zum beliebten Standort USA. „Der frappierendste Unterschied zwischen Deutschland und den USA ist meiner Meinung nach die bürokratische Umgebung, in der Forschung stattfindet“, kritisiert Oliver Brock. In den USA wolle die Bürokratie Forschung unterstützen, vorantreiben, ermöglichen. „In Deutschland scheint es eher das Ziel zu sein, den Missbrauch einiger weniger von Forschungsgeldern zu verhindern“, so Brock – zu Lasten des gesamten Systems. Denn wenn von 100 Leuten einer Forschungsmittel nicht korrekt verwende, werde sofort ein neues Gesetz erlassen – das zwar den einen Fall verhindert, „aber auch 99 Anderen das Leben viel schwerer macht“. Die Folge: Oliver Brock verbringt in Deutschland viel zu wenig Zeit für jene Dinge, für die man ihn überhaupt nach Berlin geholt hat – und beschäftigt sich stattdessen mit Formularen, Anträgen und Vorgängen.
Der Informatiker legt Wert darauf, auch die positiven Seiten der deutschen Forschungslandschaft zu betonen, unter denen die Ausstattung mit Räumlichkeiten und Mitarbeitern die wichtigsten Argumente für den Standort Deutschland sind. Auch die Verfügbarkeit von Drittmitteln sei in Deutschland besser einzustufen. Doch die Probleme bleiben. Für Aufsehen sorgte im März 2009 die Entscheidung des Chemikers Thomas Tuschl, den Ruf auf eine Humboldt-Professur an der Freien Universität Berlin anzunehmen. Tuschl kritisierte seinerzeit, die Universität sei zu wenig auf seine speziellen Bedürfnisse eingegangen. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ betonte Tuschl damals die Notwendigkeit, Wissenschaftlern größere Anreize zu bieten, und zwar entweder ein vom Wettbewerb geprägtes Umfeld, wie es in den USA oft gegeben sei, an den meisten deutschen Standorten jedoch fehle. Oder eben andere Lockmittel, wie eine qualitativ hochwertige Ausstattung an Personal. Tuschls Absage gingen Kontroversen um den Status von Mitarbeitern, die Ausstattung der Labore und um finanzielle Fragen voraus. Letztlich ärgerte sich der Spitzenforscher aber auch über die Art, wie die Universitätsbürokratie mit ihm umging. Der Fall zeigt, dass gerade zwischen den amerikanischen Eliteuniversitäten und den deutschen Hochschulen eine Lücke klafft, die man auch mit den unterschiedlichen Kulturen der beiden Länder begründen kann.
Auch wenn der Ruf bei Tuschl nichts nutzte: Oliver Brock betont, dass gerade vor dem Hintergrund der offensichtlichen Probleme die Humboldt-Professur wertvoll sei. „Sie hat das Potential, den seit langem größten positiven Impuls in die deutsche Hochschullandschaft zu senden.“ Denn auch Brock findet, dass Forschung zwar Teamarbeit sei, letztlich aber von einzelnen Treibern lebe. Und genau diese individuelle Förderung exzellenter Ausnahmeforscher ist die Idee der Humboldt-Professur. „Sie ist ein starkes Argument für Spitzenforscher aus aller Welt, nach Deutschland zu kommen“, findet Bundesforschungsministerin Annette Schavan – und mithin ein Beitrag dazu, Forschung und Hochschulen in Deutschland international einen guten Ruf zu verschaffen.
Brock erhebt keineswegs den Anspruch, in Kürze aus seinen Forschungen Innovationen zu entwickeln, „das ist nicht unser primäres Ziel“. Es sei doch gerade die Daseinsberechtigung einer Universität, sich auch mit revolutionären Innovationen beschäftigen zu dürfen, die nicht kurzfristig in marktreife Produkte münden müssten. „Mit einer kurzfristigen Verwertung im Blick müssten wir anders arbeiten.“ Das heißt aber im Umkehrschluss: Für industrielle Partner ist die Forschung noch nicht unterstützenswert – und das Labor folglich auf öffentliche Gelder angewiesen, um das Thema vorantreiben zu können. Der Wissenschaftler ist sich sehr wohl bewusst, dass die fehlende Messbarkeit von Grundlagenforschung ein Problem ist, die dafür verwendeten Mittel zu rechtfertigen. „Doch man muss die makroökonomische Ebene betrachten und ein gewisses Vertrauen in die Korrelativität haben, die auf den ersten Blick vielleicht nicht ersichtlich ist.“
Wenn Brock über die Forschungslandschaften in den USA und in Deutschland spricht, merkt man ihm an, die Zeit eigentlich lieber im Labor verbringen zu wollen. „Die Forschung treibt mich an – und die Ziele, die wir damit erreichen wollen.“ Intelligente Roboter, die einst selbständig zum Beispiel Satelliten im All reparieren oder alte oder kranke Menschen pflegen können. Gegenüber diesen Visionen sind die kleinen Roboter, die auf seinem Schreibtisch die Uhr anzeigen, nur witzige Figuren.
Von Daniel Schleidt
Ein Gastbeitrag unseres Kooperationspartners INNOVATIONSMANAGER – Magazin für Innovationskultur.
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