Eine neue Mauer muss fallen – Energieversorgung in Smart Grids
Windenergie, Solar- und Biogasanlagen, elektrische Lösungen: Die Möglichkeiten der Energieerzeugung werden immer vielfältiger und müssen in ein zusammenhängendes Netz geschleust werden – zum Beispiel mit Smart Grids. Doch was in Unternehmen zunehmend zum Alltag gehört, hat sich im privaten Umfeld noch nicht etabliert. Ralf-Michael Franke, CEO bei Siemens Drive Technologies, erklärt im Interview, welche Schritte dafür nötig sind.
Ein Interview mit Ralf-Michael Franke, CEO der Division Drive Technologies der Siemens AG
Herr Franke, der Anteil der CO2-freien Stromversorgung wird in Berlin bis 2037 um knapp 40 Prozent steigen – so lautet ein Ergebnis der Studie „Berlin 2037“ Die Autoren der TU Berlin erklären ein intelligentes Stromnetz zu einer Voraussetzung dafür. Warum?
Weil es nicht nur um die Schaffung erneuerbarer Energieproduktionskapazitäten geht. Um die CO2-freien Energieformen vermehrt zur Versorgung von Metropolen einzusetzen, muss ein effizientes und intelligentes Energieversorgungssystem mit Smart Grids und Smart Metering aufgebaut werden, um auch die Verbrauchsseite intelligent zu managen. Unsere Erfahrungen im industriellen Umfeld zeigen deutlich, dass damit nicht nur Verbrauchsspitzen geglättet und flexible Speicherkapazitäten geschaffen werden, sondern auch die Effizienz des gesamten Systems erhöht werden kann.
In der Industrie ist heute ein durchgängiges Energiemanagement in vielen Betrieben selbstverständlich. Hier lassen sich erhebliche Kosten sparen. Was kann die Bevölkerung im Alltag von diesen Konzepten lernen?
Der Bevölkerung kommt bei dem Gedanken an Energieeffizienz zuerst die Wärmedämmung des Hauses oder das ausgeknipste Licht in den Sinn. Das ist ganz normal, denn das sind für Jedermann nachvollziehbare Alltagswelten. In der Industrie dagegen analysieren wir zunächst systematisch die Verbraucher, zum Beispiel große Motoren, und überlegen dann, wie wir intelligent Energie einsparen können, bevor wir tatsächlich investieren. Diese Grundidee ist auch für Jedermann anwendbar. Die Energieeffizienz in der Industrie ist heute ein sehr großer Hebel, um die Energieverbräuche zu reduzieren. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass die Energieeffizienz in den Produktionskapazitäten einer Industrieregion ganz entscheidend über deren zukünftige Wettbewerbsfähigkeit entscheidet. Und dies gilt natürlich auch für einzelne Unternehmen. Wir bieten unseren Kunden daher ein umfassendes System zur Erhöhung der Energieeffizienz an: Über eine eingehende Analyse der bestehenden Energieflüsse und Verbraucher sowie der Spitzenverbräuche und Hauptverbraucher entwickeln wir auf unsere Kunden zugeschnittene Konzeptionen, die wir auch gemeinsam mit ihnen in die Realität umsetzen. Dabei wird das gesamte System – von der Energieerzeugung bis zum Verbrauch – optimiert und oftmals intelligent vernetzt. Überspitzt formuliert, muss daher auch in Berlin bis 2037 eine neue Mauer fallen, muss die Kluft zwischen Energieerzeugung und den Verbrauchern intelligent überbrückt werden.
Wie könnte das in der Praxis aussehen?
Privathäuser und Industrieanlagen werden wesentlich intelligenter in das Energienetz eingebunden sein. Da die Energie zum Beispiel durch Windkraftanlagen weniger konstant erzeugt wird als beispielsweise durch Atomkraftwerke, müssen die Verbraucher die Energie intelligent verwenden. Eine Kühltruhe kann beispielsweise ohne Probleme für 15 bis 45 Minuten abgeschaltet werden, wenn gerade wenig Energie verfügbar ist. Über kurz oder lang werden sich darüber hinaus zum Beispiel stationäre Batterien durchsetzen, die im Privathaus untergebracht sind und etwa dann Energie speichern können, wenn gerade viel Wind bläst. Das setzt natürlich entsprechende Geschäftsmodelle voraus. Energie muss – dem Bedarf und dem Kundennutzen entsprechend – immer und überall verfügbar sein. Eine wichtige Voraussetzung ist auch, dass der Kunde den Nutzen erkennt, den eine 1 Kubikmeter große Batterie in seinem Keller stiftet. Und natürlich wird auch das Thema E-Mobility hier mit einzahlen. Die Elektromobilität stellt im gesamten Energiesektor ein disruptives Element dar, weil es einen großen Einfluss auf unser Verhalten und unseren Umgang mit Technologien nimmt. Wenn in Deutschland erst einmal 20 Millionen Elektrofahrzeuge über die Straßen rollen, hat sich ein neues Nutzerverhalten etabliert. Und dann gibt es auch Möglichkeiten, Energiesparpotentiale und E-Mobility zu verbinden.
Ein intelligentes Stromnetz funktioniert nur, wenn der individuelle Verbrauch kontinuierlich gemessen und analysiert wird. Wie überzeugen Sie Privatpersonen davon, dass ein „gläserner Verbrauch“ mehr Vorteile als Nachteile offenbart?
Zugegeben, der Weg dorthin ist noch weit. Denn während wir in der Industrie schon seit Jahren daran gewöhnt sind, in allen denkbaren Bereichen gemessen zu werden und Daten transparent zu machen, ist das in der Privatsphäre noch nicht üblich. Aber diese Welt öffnet sich zunehmend für Optimierungsprozesse. So wird das Haus, in dem wir wohnen, zunehmend ein Teil des gesamten Energiekomplexes. Allerdings fehlt es heute noch an Anreizsystemen, um Privatpersonen vom Nutzen intelligenter Stromnetze zu überzeugen. Das muss und wird sich in Zukunft ändern.
Welche Vorteile eröffnet Transparenz für private Haushalte?
Anwender und Privatnutzer erhalten die Möglichkeit, eine Wahl zu treffen. Sie entscheiden beispielsweise darüber, ob sie ihr Elektroauto abends im schnellen Modus aufladen, weil sie bereits eine Stunde später wieder losfahren müssen, oder ob sie batterieschonend und langsam aufladen, dafür aber Kosten sparen. Das ist einer der Gründe, warum Transparenz eine zentrale Rolle spielt. Letztlich werden das gesamte Energienetz und der Energiemarkt dann von Preis und Nachfrage bestimmt.
Diese Argumente sprechen eigentlich für sich. Warum lassen sich Privatnutzer bislang dennoch nicht von den Vorteilen eines intelligenten Netzes überzeugen?
Das Haus, in dem wir leben, ist sehr einfach aufgebaut. Man drückt auf einen Schalter, und das Licht geht an. Wenn wir den Schalter nicht betätigen, bleibt es dunkel. Der Versuch, die intelligente Vernetzung unterschiedlicher Energiefunktionen in ein Privathaus zu übertragen erfordert zum einen simple Lösungen für den Bewohner, aber auch geeignete Anreizmodelle und die Aufklärung der Verbraucher über die Einsparpotentiale. Das „Smart Home“ mit seinen aktiven und passiven Funktionen muss gewissermaßen einen Schritt auf den Verbraucher zugehen. Es ist wichtig, dass er sich in seinen eigenen vier Wänden nicht fremd fühlt, sondern den Komfort als zusätzliche Lebensqualität genießt.
Das Gespräch führten Markus Garn und Daniel Schleidt.
redaktion@innovationsmanager-magazin.de
Vita Ralf-Michael Franke Nach seinem Studium der Elektrotechnik an der Universität Kassel begann Ralf-Michael Franke im Jahr 1985 bei Siemens in Erlangen in der Entwicklung für Antriebstechnik. 1998 übernahm er die Leitung der Qualitätssicherung, im Jahr 2000 die Koordinierung der geschäftsgebietsübergreifenden Entwicklung der neuen Antriebsplattform Sinamics. Ab 2003 leitete Franke das top+ Unternehmensprogramm Innovation in München. Im Dezember 2004 wurde Ralf-Michael Franke CEO der Siemens Business Unit Industrial Automation Systems. Seit April 2011 steht Franke der Siemens-Division Drive Technologies vor. Die Siemens-Division Drive Technologies (Nürnberg) ist der weltweit führende Anbieter von Produkten, Systemen, Applikationen, Lösungen und Service für den kompletten Antriebsstrang mit elektrischen und mechanischen Komponenten. Drive Technologies beliefert alle Branchen in der Fertigungs- und Prozessindustrie sowie das Segment Infrastruktur/Energie. Mit diesen Leistungen erfüllt die Division die Hauptanforderungen der Kunden nach Produktivität, Energieeffizienz und Zuverlässigkeit.
Ein Gastbeitrag unseres Kooperationspartners INNOVATIONSMANAGER – Magazin für Innovationskultur.
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